Nahrungsergänzungsmittel?

Bild: Pixabay

Der Dr. Shiva ist schuld an diesem Artikel. Verschwörungstheorien. Er hat dem US-Präsidenten einen offenen Brief geschrieben – also einen Brief, den alle Menschen online lesen können. Darin empfiehlt er ihm, die US-Bevölkerung mit intravenös verabreichten Vitaminen A, D und C vor COVID-19 zu schützen/heilen. Ich denke, seine Pharmafirma wird das freuen, schliesslich gab’s ja auch solche, die Desinfektionsmittel getrunken haben. Hier eine kleine Auseinandersetzung mit dem Thema.

Es hat punkto Nahrungsergänzungsmittel zwei Lager. Das eine schwört auf Nahrungsergänzungsmittel, und das andere belächelt es als „teures Pisi“ – im Echo und Kanon.

Die PRO-Nahrungsergänzungsmittel-Anhänger sagen, „Wenn du das Präparat nicht korrekt einnimmst oder viel zu früh absetzst, kann es auch nicht nützen!“, „Unsere Laborwerte bestätigen, dass es funktioniert!“. „Sieh mich an, ich nehme täglich 10 Pillen (& nonverbal: sehe verdammt gut aus für mein Alter!)“. Oder… „Kräuterchen und Pülverchen haben eh und je geholfen“. Stimmt. Es gibt Bücher über brennende Hexen, Medizinmänner, Quacksalber, den Miraculix. Auch meine Grossmutter heilte alles – mit Kamille und Rakija. Halsschmerzen, Fieber oder Bauchweh. Manchmal rauchte sie eine Zigarette – gegen Kopfweh. Ist ja auch ein Kraut drin.

Nur. Viele Kräuterchen unterstehen dem Heilmittelgesetz. Nahrungsergänzungsmittel werden aber zu den Lebensmitteln gezählt, sind also keine HEILmittel. Steht so im Schweizer Lebensmittelgesetz bzw. in der Verordnung dazu (VNem Art. 1 und 2). Als Nahrungsergänzungsmittel sind also hauptsächlich konzentrierte Vitamine, Mineralstoffe und Aminosäuren (Proteinbausteine) zugelassen (VNem Teil A, B sowie Zulässige Verbindungen der Vitamine, Mineralstoffe und sonstigen Stoffe). Auch Schwefelverbindungen, Fette oder Koffein können enthalten sein. Gewisse Botanicals, also Kräuterextrakte, auch – ausser solche, die explizit verboten sind und auf der Liste der verbotenen Stoffe in Lebensmitteln (VLpH, Anhang 1) stehen oder zu Arzneimitteln gehören. Nahrungsergänzungsmittel sind immer nur abgepackt, in Form von Tabletten/Pillen, Ölen in Kapseln, Pulver in Beutelchen oder ähnliches erhältlich. Werden sie intravenös verabreicht, wären es wieder Heilmittel, da Medizinalprodukte eingesetzt werden. Mit Nahrungsergänzungsmitteln solltest du deinem Körper Nährstoffe zuführen können, wenn du das nicht durch gewöhnliche Ernährung tun kannst.

Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln in der Schweiz dürfen auch nicht versprechen, dass mit ihren Präparaten konkreten Krankheiten vorbeugen kann oder solche sogar geheilt werden können. Auf der Verpackung darf aber Unspezifisches stehen, z.B. dass die gekaufte Kapsel „gesundheitsfördernd“ ist, „gut für das Immunsystem/den Energiestoffwechsel/den Muskelaufbau/die Durchblutung & Regeneration“, „Schützt vor oxidativen Stress“, „Wirkt unterstützend beim Bodyshaping“ etc.. Die Verpackung muss mit „Nahrungsergänzungsmittel“ angeschrieben sein.

Weitere rechtliche Anforderungen an die Nahrungsergänzungsmittel: Damit sie verkauft werden können, müssen die Nahrungsergänzungsmittel nebst der korrekten Etikettierung nur „sicher“ sein, bevor sie auf den Markt kommen. Sicher sind sie, wenn der Warnhinweis zur Dosierung ersichtlich ist. Die zulässigen Wirkstoffe in der zulässigen Dosierung müssen enthalten sein und man darf davon – nach „vernünftigem Ermessen“ eingenommen – nicht krank werden. Auf der Verpackung oder der Verpackungsbeilage müssen alle Inhaltsstoffe und Verzehrempfehlungen ersichtlich sein. Im Gegensatz dazu müssen Arzneimittel komplexe Bewilligungsverfahren durchlaufen und eine Zulassungsnummer erlangen, bevor sie verkauft werden dürfen. Wer sich für Details zur Definition und Abgrenzung von Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln interessiert, kann hier nachlesen. Die lieben Nachbarländer von weit und fern sehen das übrigens nicht so eng. Allein in der EU sind vorallem die Höchstwerte der Inhaltsstoffe nicht überall gleich geregelt. Ob EU, USA oder Asien – deren Gesetze erlauben es, die Präparate viel höher zu dosieren oder Substanzen zu nutzen, die man hier zu Heilmitteln zählen würde. Gewisse Hersteller deklarieren nicht alle Inhaltsstoffe, und manchmal finden sich gesundheitsgefährdende darunter. Besonders unter den Onlineshop-Anbieten fänden sich Bösewichte.

Das könnte also bedeuten: 0 : 1 für das „teure Pisi“-Lager!? Doch… „Heimlich“ habe ich mir nach einem Anfall von „ich verlier gleich die Nerven“ ein Döschen B-Vitamin-Komplex-Tabletten gekauft… sie wären gut für Nerven und… den Stoffwechsel… auch gut. Her damit!! Die Drogistin guckte mich damals leicht schräg an und wollte wissen, wieso ich das jetzt bräuchte. Ob ich mich denn nicht „gesund ernähre“? Ich erfand eine Geschichte; Stress, viel unterwegs… und bekam mein Döschen samt Infos, wo ich nachlesen kann was drin steckt und wie ich es einnehmen soll. Superkompetent, korrekt. Zwei Tage nach Einnahme der Tabletten wurde mir leider auch schon schwindelig davon. Als ich sie absetzte, ging’s mir wieder gut. Ob das die berühmt-berüchtigte Hypervitaminose war? Lag es an den Füllstoffen, an den Trenn- oder Überzugsmitteln? Odeeeer wirken sie doch? Nix „teures Pisi“?

Das „teuren Pisi“-Lager sagt, dass eine ausgewogene, gesunde Ernährung vollkommen ausreicht. Synthetische Präparate würden ihr Ziel eh nie erreichen. Nur auf ärztliche Anordnung mache es Sinn, zu Nahrungsergänzungsmitteln zu greifen. Wenn man tatsächlich ein bestimmtes Defizit hat, das richtige Präparat erhält – am besten in natürlich, BIO und „komplex“ – und wenn man es korrekt einnimmt, könnte es doch „w-wiii-wiiirken“… sehr ungern und widerwillig. Die Beweislage ist dünn. Wie fühlt sich oxidativer Stress an? Bist du müde, weil du in anstrengender Gesellschaft warst oder tatsächlich an einem Mangel leidest? Wie sieht eine Unterstützung des Bodyshaping aus? Sesam öffne dich zum Reich der Interpretationen.

Nochmal zum PRO-Lager: Dieses posaunt – auch im Kanon – dass wir uns schlechter ernähren als jeeee zuvor. Es sieht üüüüüberall Fast-Food-Junkies, Veganer, Spitzensportler, Diätfreaks und Workoholics-aka-Kochmuffel herumlaufen – allesamt mit erhöhtem Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen, Aminosäuren. Und ja, es ist möglich, dass diese Menschengruppen das Dasein dieser Branche rechtfertigen. Falls du jetzt nicht sicher bist, ob du zu einer der genannten Gruppen gehörst oder womit du welche Vitamine und Mineralstoffe wie decken kannst, dann lies hier weiter: welche Lebensmittel ausreichen (trifft meinen Standpunkt).

Fazit: Studien besagen, dass Nahrungsergänzungsmittel mit synthetischen Wirkstoffen relativ unwirksam sind. Sie sind aber günstig und der Placebo-Effekt ist nicht zu unterschätzen. Es gibt gesicherte Hinweise, dass „komplexe Inhaltsstoffe“ wirksam sein können. Jenachdem, eventuell. Eine Herstellerfirma hat gut erklärt, wie man synthetische von komplexen Inhaltsstoffen unterscheiden kann. Eine beliebige Einnahme von selbstgewählten Nahrungsergänzungsmitteln, vorallem über längere Zeitdauer, könnte doch Nebenwirkungen verursachen (Hypervitaminose). Die gesetzlichen Vorgaben sprechen eine andere Sprache – vielleicht ein Hinweis, dass man an den Verordnungen arbeiten müsste?

Nach all diesen Infos, würde ich das Geld für Nahrungsergänzungsmittel erst ausgeben, wenn ich vorher mit einem Profi ehrlich über ein Leiden gesprochen habe. Bis dann, gönne ich mir im Zweifelsfall einen Vodka Orange&Cranberry… eisgekühlt, mein Vitamin C-Express. Gut für Stoffwechsel, Nerven UND Blasenentzündung.

Quellen und Links:
Verordung über Nahrungsergänzungsmittel 817.022.14
Swissmedic – Abgenzungskriterien
Heilmittelgesetz (HMG Art. 4)
Infos über die Herstellung von Vitaminpräparaten
Beitrag Vitaminmangel erkennen
Verbraucherwarnungen
& ein kleines Goodie für die, die vor einem Regal voller Pulverdosen stehen und keine Ahnung haben, was das sein soll: Verordung für Personen mit besonderem Ernährungsbedarf (z.B. VLBE, Kapitel 5. Sportlernahrung)

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